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„Born Digital in the Cloud: Challenges and Solutions“ – 21. Archivwissenschaftliches Kolloquium der Archivschule Marburg

Dieses Jahr eintägig, dafür aber mit Referenten und Referentinnen aus neun Ländern bzw. drei Kontinenten und durchgängig in englischer Sprache: In Kooperation mit dem internationalen Forschungsnetzwerk „InterPARES Trust (ITrust)“ fand am 8. Juni 2016 das 21. Archivwissenschaftliche Kolloquium der Archivschule Marburg im Technologie- und Tagungszentrum Marburg statt. Im Mittelpunkt des Interesses stand die Vertrauenswürdigkeit digitaler Unterlagen. Archivare und Wissenschaftler aus aller Welt referierten über Chancen und Risiken der Nutzung von Cloud-Technologien durch Archive, Behörden, Unternehmen und Privatleute.

Nach Grußworten von Dr. Irmgard Christa Becker für die Archivschule Marburg und Bürgermeister Dr. Franz Kahle für die Stadt Marburg begann das Kolloquium mit einem Vortrag von Prof. Dr. Luciana Duranti (University of British Columbia, Vancouver, Kanada). Als Leiterin und Koordinatorin von ITrust stellte sie dessen Arbeit vor. Das vor allem vom „Social Sciences and Humanities Research Council of Canada“ finanzierte Projekt läuft von 2013 bis 2018 und setzt die Arbeit von „InterPares” fort. Im Rahmen der drei Vorläuferprojekte wurde zwischen 1998 und 2012 Grundlagenforschung auf dem Gebiet des digitalen Archivwesens geleistet. ITrust selbst konzentriert sich als internationales und interdisziplinäres Forschungsprojekt hingegen auf digitale Unterlagen die in einer Cloud, d.h. im Internet, gespeichert werden. Ziel ist es, theoretische und methodische Regelungen, Standards und Arbeitsabläufe zu entwickeln, die Erhalt und dauerhafte Verfügbarkeit des digitalen Gedächtnisses von Unternehmen, Verwaltungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen gewährleisten. Zurzeit arbeiten mehr als 70 Institutionen und mehr als 300 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus 31 Ländern an dem Projekt mit. Zu den Kooperationspartnern gehören Universitäten, Archive, Behörden, internationale Organisationen und Unternehmen. Die Einführung durch Frau Duranti bot insbesondere den zahlreich vertretenen Besucherinnen und Besuchern aus dem Inland den Rahmen, um Themen und Zielsetzung der folgenden Vorträge einordnen zu können.

Bürgermeister F. Kahle im Gespräch mit L. Duranti (links) und I. Becker (rechts)

Moderiert von Dr. Irmgard Christa Becker begann das erste Panel zum Thema „Access in the Cloud“ mit einem Referat von Prof. Gillian Oliver (Victoria University of Wellington, Neuseeland). Frau Oliver präsentierte die Ergebnisse einer Umfrage unter neuseeländischen Ureinwohnern zur Rezeption bzw. Akzeptanz von digitalisierten Quellen aus Bibliotheksbeständen in der Sprache der indigenen Bevölkerung. Sie machte darauf aufmerksam, dass in bestimmten Kulturen dem haptischen Wert bzw. der „spirituelle Dimension“ des Originals besonders hohe Bedeutung zukommt.

Einen anderen Schwerpunkt setzte die folgende Präsentation von Prof. Dr. Julie McLeod (Northumbria University Newcastle, Großbritannien). Frau McLeod schilderte die Probleme, die im Zuge eines von ITrust begleiteten Projekts der britischen gesetzlichen Krankenversicherung („National Health Service“) aufgetreten sind. Der Versuch, persönliche, hochsensible Daten aller Patienten (Versicherungsnummer, Wohnort, Geschlecht, Krankheiten etc.) zu sammeln und miteinander in einer Datenbank zu verknüpfen, scheiterte zumindest vorläufig an Bedenken der Betroffenen. Die Referentin führte diese Entwicklung auf Kommunikationsprobleme und einen Mangel an „good governance“ zurück. Im Laufe der Diskussion wurden Unterschiede zwischen den rechtlichen Rahmenbedingungen sowie dem Stellenwert von Datenschutz im englischen Sprachraum bzw. in Deutschland deutlich.

J. McLeod während ihres Vortrags

Das dritte Referat des ersten Panels widmete sich der Verbindung zwischen „Cloud Computing“ und Records Management. Jim Suderman (ITrust, Toronto, Kanada) präsentierte die Ergebnisse einer nahezu abgeschlossenen Studie zum Einfluss des Bemühens um „Open Government“ auf die Schriftgutverwaltung. Der Referent zeigte, dass das Bemühen um größtmögliche Transparenz und Bürgerbeteiligung unmittelbare Rückwirkungen auf den Umgang einer Verwaltung mit digitalen Unterlagen hat.

Den Abschluss des Panels bildetet ein Vortrag von Prof. Dr. Robert Kretzschmar und Prof. Dr. Christian Keitel (beide Landesarchiv Baden-Württemberg, Deutschland), die den Bogen vom Bibliothekswesen (Oliver) über das Records Management (McLeod, Suderman) zur digitalen Archivierung im engeren Sinne schlugen. Ihre Präsentation des Archivsystems DIMAG beinhaltete umfassende Einblicke in Entwicklung sowie politische, archivwissenschaftliche bzw. technische Grundlagen eines digitalen Langzeitarchivs. Entsprechend dem Thema des Panels lag der Schwerpunkt ihrer Betrachtungen aber auf der Nutzung der einmal archivierten digitalen Unterlagen. Beide Referenten hoben in diesem Zusammenhang die Bedeutung der engen Zusammenarbeit zwischen ihrem eigenen Archiv und anderen Kooperationspartnern (Bayern, Bremen, Hessen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein) hervor.

C. Keitel (links) und R. Kretzschmar (rechts) während der Diskussion nach ihrem Referat

Im Laufe des zweiten Panels beschäftigten sich fünf weitere Referenten und Referentinnen, moderiert von Prof. Dr. Karen Anderson (Mid Sweden University, Härnösand, Schweden), mit der Kontrolle einmal in einer Cloud  abgelegter Daten vor unbefugten Zugriffen. Den Einstieg bot Prof. Dr. Giovanni Michetti (Sapienza University of Rome, Italien), der mit „Preservation as a Service for Trust (PaaST)“ ein in Entwicklung befindliches Modell vorstellte, welches die Authentizität von in einer Cloud gespeicherten Daten sicherstellen soll. Basierend auf dem OAIS-Modell (ISO 14721) sollen Abläufe, Akteure und Objekte so beschrieben werden, dass Bedingungen und Grundregeln für ein vertrauenswürdiges, cloudbasiertes Langzeitarchiv festgeschrieben werden können.

Den zweiten Vortrag hielt Prof. Dr. Özgür Külcü (Hacettepe University, Ankara, Türkei). Herr Külcü bot Einblicke in die Nutzung bzw. die Schwierigkeiten bei der Implementierung von Metadatenstandards in der Türkei.

Im Anschluss beschäftigte sich Dr. Christopher Prom (University of Illinois, Urbana-Champaign, USA) mit „archival arrangement and description in the Cloud“. Herr Prom stellte die Arbeit eines weiteren Teilprojekts von ITrust vor, indem er auf Verzeichnungsstandards, -werkzeuge und -praktiken einging und sich ausführlich mit der Frage beschäftigte, wie Gedächtnisinstitutionen mit den stetigen Veränderungen unterworfenen, in mancherlei Hinsicht fast schon volatilen Daten aus Cloud-Diensten umgehen sollen.

C. Prom, G. Michetti, Ö. Külcü und K. Anderson (von links nach rechts) während der Diskussion nach den Vorträgen

Mit der Präsentation von Lluis-Esteve Casellas (City Council of Girona, Spanien) kehrte die Diskussion zur Schriftgutverwaltung einer öffentlichen Stelle zurück. Der Referent legte an konkreten Beispielen aus der katalanischen Kommunalverwaltung dar, inwiefern die „digitale Transformation“ und ganz konkret der Einsatz von Fachverfahren das Records Management der Behörden beeinflussen. Er wies auf die (negativen) Auswirkungen einer Übernahme und Implementierung technischer Angebote hin, bei der Grundsätze und Ordnungsprinzipien der Schriftgutverwaltung bestenfalls am Rande Beachtung finden.

Im letzten Beitrag des Panels wandte sich Dr. Corinne Rogers (University of British Columbia, Vancouver, Kanada) einem Thema zu, welches für Unternehmen, Verwaltungen und private Nutzer gleichermaßen von Bedeutung ist: Sie sensibilisierte anhand eines eigens für diesen Zweck entwickelten Fragebogens für die Punkte, die man bei Abschluss eines Vertrages mit einem Anbieter von cloudbasiertem Speicherplatz beachten sollte.

Gut besucht: Archivleiter und ausgewiesene Spezialisten auf dem Gebiet der digitale Langzeitarchivierung, aber auch Studierende aus dem In- und Ausland sind gekommen

Am Ende eines langen, ereignisreichen, vor allem aber ergiebigen Tages fasste Dr. Irmgard Christa Becker die Ergebnisse nochmals zusammen. Im Rahmen einer kurzen, aber überaus prägnanten Diskussion bot sich für den einen Teil der Besucherinnen und Besucher eine letzte Gelegenheit, offene Fragen anzusprechen; für den anderen Teil bestand diese Möglichkeit auch noch an den beiden Folgetagen. Am 9. Und 10. Juni fand in der Archivschule der „InterPARES European Team Workshop“ statt. In einer Reihe intensiver Arbeitssitzungen wurden Anregungen des Kolloquiums aufgenommen und vertieft. Dass es angesichts der großen Dynamik und der mannigfaltigen Herausforderungen des digitalen Zeitalters sinnvoll und fast schon alternativlos ist, internationale Verbünde und Netzwerke zu bilden bzw. auszubauen, stand sowohl für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops als auch die Mehrzahl der übrigen Besucher und Besucherinnen aber bereits am Abend des 8. Juni außer Frage. Wo das Problem der „Born Digitals in the Cloud“ nicht angegangen wird, drohen Überlieferungsverluste ungeheuren Ausmaßes. Bleibt es beim Status quo, wird das dem ‚Aktenzeitalter‘ – und somit der Beschäftigung mit der Geschichte der Neuzeit im Allgemeinen – eigene Wissen um die Prozesse, die zu Entscheidungen geführt haben, nach mehr als 500 Jahren (erstmals wieder) verloren gehen.

Die Archivschule Marburg bedankt sich bei allen, die an Vorbereitung und Durchführung von Kolloquium und Workshop beteiligt waren und zu ihrem Gelingen beigetragen haben! Ein Tagungsband ist in Vorbereitung.

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