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Entstehung und Entwicklung der Stadt Marburg

Die Entwicklung Marburgs ist geprägt durch eine frühe wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit während des Mittelalters und der Reformationszeit und die langsame Stagnation im Laufe des 17. Jahrhunderts, die dazu führte, daß das alte Stadtbild vor allem in der Altstadt und in Weidenhausen teilweise erhalten blieb.

Marburg im Mittelalter

Seine Entstehung verdankt Marburg der Befestigungsanlage, die zur Kontrolle des Verkehrsknotenpunktes an der Lahnfurt eingerichtet wurde. Hier trafen mehrere bedeutende mittelalterliche Fernstraßen zusammen, so die in Ost-West-Richtung verlaufende Köln-Leipziger-Straße und die in Nord-Süd-Richtung verlaufende Weinstraße (="Wagenstraße)," die sich mit dem aus dem Rhein-Main-Gebiet in den Raum Erfurt/Leipzig führenden "Langen Hessen" vereinigte, und seit dem 12. Jahrhundert die dem heutigen Verlauf der B3 folgenden Lahntalstraße.Die erste urkundlich erwähnte Burg wurde 1138/39 auf dem heutigen Schloßberg von den Landgrafen von Thüringen erbaut, die das Gebiet 1122 erworben hatten; allerdings fanden sich bei Ausgrabungen Überreste von wehrhaften Gebäuden im Burginnenhof, die auf das 9. und 10. Jahrhundert zurückgehen. Die Benennung der Burg nach einem nahen Fluß, dem "marcbach", wurde auch namengebend für die spätere Siedlung.
Als Kristalisationskerne für die Stadtentwicklung dienten eine Siedlung am heutigen Obermarkt und ein Wirtschafts- oder

Ältester Holzschnitt der Stadt, erstmalig in der Cosmogra-
phie von Sebastian Münster

Fronhof mit einer Herrenmühle am heutigen Rudolphsplatz. Entgegen früherer Schätzungen, nach denen diese in der Zeit des Burgbaus im 12. Jahrhundert entstanden sein sollten, nimmt man seit der Entdeckung der älteren Befestigungsgebäude an, daß diese bereits im 10. Jahrhundert gebaut wurden. Die Bedeutung der Siedlung im 12. Jahrhundert zeigt sich daran, daß es bereits 1140 einen "Marburger Pfennig" gab; es ist wahrscheinlich, daß sie bereits 1180/1200 zur Stadt erhoben wurde, wobei die erste geschriebene Stadtrechtsurkunde auf 1311 datiert. In der Altstadt entstanden in dieser Zeit zahlreiche Gäßchen, die sich, abgesehen von einigen kleinen Veränderungen wie Begradigungen oder Namensänderungen, oft bis heute erhalten haben. Seit 1180/1200 gab es eine erste Ummauerung, die bis ins 13. Jahrhundert ausgebaut wurde. Seit Mitte des 14. entstanden einige Vororte jenseits der Stadtmauer, so Bulkenstein (Pilgrimstein), Am Grün, Weidenhausen, Ketzerbach und die Vorstadt am Heugäßchen.

Gründe für die wirtschaftliche Blüte Marburgs im Mittelalter und die spätere Stagnation

  • Seit dem 13. Jahrhundert wurde die Marburg, schon zuvor ein wichtiger strategischer Posten gegen den Erzbischof von Mainz, zur landesherrlichen Residenz der Landgrafen von Hessen. Mit der Teilung Hessens 1567, bei der Marburg der weniger bedeutenden Nebenlinie Hessen-Marburg zufiel, verlor die Stadt erstmalig an Prestige und Finanzkraft. Infolge des Aussterbens der Linie Hessen-Marburg 1604 und des Erbfalls ihrer bisherigen Besitzungen an die Linie Hessen-Kassel wird Marburg zugunsten von Kassel als Residenzstadt aufgegeben. Damit verliert Marburg zahlreiche Einnahmen durch seine bisherigen finanzkräftigsten Bewohner.

  • Die 1235 begonnene gothische Elisabethkirche auf dem Grab der im gleichen Jahr heiliggesprochenen Landgräfin avancierte im 13. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte des Mittelalters.Durch Pestepedemien seit 1348/49 verringerten sich die gewinnbringenden Pilgerströme erstmalig und blieben dann durch die Einführung der Reformation und die Entnahme der Gebeine der Heiligen Elisabeth unter Philipp dem Großmütigen ganz zurück.

  • Der Deutsche Orden, der seit 1234 durch die Übernahme des 1228 von Landgräfin Elisabeth gegründeten Hospitals in Marburg ansässig war, verfügte über zahlreiche Besitzungen im Marburger Umland und innerhalb der Stadt. Zwischen 1291 und 1309 residierte sogar der Hochmeisters des deutschen Ordens in Marburg. Zwar konnte sich der Deutsche Orden 1527 erfolgreich der Säkularisierung unter Philipp dem Großmütigen widersetzen, spielte aber durch seine verminderte Wirtschaftskraft bis zu seiner Auflösung 1809 unter Napoleon eine deutlich geringere Rolle als zuvor, was sich auch auf die Ökonomie der Stadt auswirkte. Nach seiner Auflösung, die während der Eingliederung Hessens in das Königreich Westfalen im Zuge der Säkularisierung von Kirchengut unter Napoleon geschieht, ging das Land des Deutschen Ordens an Stadt und Universität über und bildeten die Grundlage für die Entstehung von Biegen- und Klinikviertel.

  • Landgraf Philipp der Großmütigen gründete 1527 auf dem Besitz der durch ihn säkularisierten Klöster in Marburg die erste protestantische Universität Deutschlands. Diese hatte als Wirtschaftsfaktor allerdings zu wenig Bedeutung, um zu verhindern, daß Marburg im 17. und 18. Jahrhundert trotz seiner landgräflichen Behörden zu einer Art Landstadt degradiert wurde. Durch die Neubelebung in preußischer Zeit wird die Universität bis heute zu einem der Hauptwirtschaftsfaktoren für Marburg.

  • Erste stärkere Rückgänge der Wirtschaft wurden durch die Pestepedemien ausgelöst, die Marburg seit 1348/49 heimsuchten.

  • Im Dreißigjährigen und Siebenjährigen Krieg erlitt Marburg neben der Beschädigung von Stadt und Burg je in den Jahren 1645 und 1762 erhebliche wirtschaftliche Schäden: Von den bisher wichtigsten Wirtschaftszweigen, der Wollweberei, Lohgerberei und Töpferei, die neben dem landesherrlich geförderten Fernhandel die Haupteinnahmequelle der Bürger boten, ging während des Dreißigjährigen Krieges die Wollweberei als einziger überregionaler Wirtschaftszweig verloren. Die Stadt konnte sich lange Zeit wirtschaftlich nicht erholen.

Marburg von der Frühneuzeit bis Heute

Daher ist es verständlich, daß die Stadt im Mittelalter und der Reformationszeit eine stärkere Ausdehnung erfuhr als nach der Spaltung Hessens 1567 und besonders nach der Verlegung der Residenz nach Kassel 1604. Im Gegensatz zu Kassel hat Marburg folglich kaum Renaissance- und Barockbauten, dafür aber sehr viele, die auf eine frühere Zeit datieren.Das Stadtbild blieb bis Mitte des 19. Jahrhunderts fast unverändert, woran auch die Eingliederung Kurhessens in das Königreich Westfalen unter Napoleon nichts änderte.Erst im ausgehenden 18. Jahrhundert konnte sich die Stadt etwas erholen. Ein neuer wirtschaftlicher Aufsschwung wurde allerdings erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Anschluß Marburgs an die Main-Weser-Bahn auf der Strecke Frankfurt-Kassel eingeleitet.
Impulsgebend war auch die Annektion durch Preußen, die durch Förderung der Universität und Festlegung Marburgs als Garnisonsstandort eines Jägerregiments Bevölkerungs- und Siedlungswachstum herbeiführte.Durch Bau des Bahnhofs, der 1850 an seinem altstadtfernen Standort fertig gestellt wurde, kam es zu einer Verbesserung der nördlichen Verkehrsanbindungen. Zugleich führte die Zunahme der Stadtbevölkerung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer Ausdehnung der Stadt, wobei besonders die zwischen Bahnhof und Altstadt gelegenen, bisher kaum bebauten Gebiete berücksichtigt wurden.
Dabei wurde seit 1850, verstärkt 1875 das Nordviertel ausgebaut, das sich aus dem z.T. zur Universität gehörigen Klinikviertel und dem Bahnhofsviertel zusammensetzte. Zunächst wurden hier vor allem Großvillen gebaut, seit 1907 setzte der neugegründete Spar- und Bauverein durch seine auf genossenschaftlicher Basis errichteten Wohnungen neue

Impulse, die von Zeitgenossen z.T. als Stadtverschandelung angesehen wurde. Zugleich kam es ab 1870 zur Erschließung des Südviertels, das mit seinen Häusern, die im Stil von der Gründerzeit bis in die 50er Jahre reichen, zunächst vor allem zur Wohngegend für Militärangehörige und teilweise auch Professoren wurde.
Das Biegenviertel konnte erst nach der Lahnregulierung 1897 bebaut werden, wobei v.a. vierstöckige Mietshäuser entstanden. Seit der Jahrhundertwenden entstanden nun für die wohlhabenderen Schichten Großvillengebiete, so am Schloß-, Dammels- und Grassenberg und unterhalb der Kirchspitze, also nördlich und westlich der Altstadt. Zwischen den Weltkriegen dehnte sich die Stadt über Lahn und Bahn hinweg nach Osten aus, wobei der Westhang der Lahnberge, insbesondere der Ortenberg, erschlossen und z.T. bebaut wurde.1930 wurde Ockershausen eingemeindet.
Außer den Bombenschäden im Bahnhofsviertel blieb Marburg im 2. Weltkrieg von Zerstörung bewahrt; doch durch den Zuzug von fast 20.000 Heimatvertriebenen, Flüchtlingen und Evakuierten herrschte bis in die 60er Jahre akute Wohnraumnot.So kam es zur Ausweisung neuer Wohngebiete mit Ein- bis Zwei-Familienhäusern und seit den 60er Jahren auch größeren Wohneinheiten, so des vorher nur inselhaft besiedelten Lahnbergehangs, seit den 60er Jahren des Richtsbergs, des Universitätscampus und der eingemeindeten Umlandskommunen, inbesondere in Cappel, Marbach und Wehrda.
Aufgrund der Wohnraumsituation war in den 60er Jahren der Abriß zahlreicher baufälliger Häuser in der Altstadt geplant. Nach einem Gutachten der GeWoSi, einer Tochterfirma der Neuen Heimat, die mit der Altstadtsanierung beauftragt war, wurden 1969 48% der Häuser als abbruchreif, 25% als nur mit hohem Aufwand modernisierbar und nur 27% als modernisierbar eingestuft. Wegen anhaltender Bürger- und Studentenproteste, der Gewährung neuer Gesetze zur Finanzierung von Altbausanierungen durch den Bund und die Wahl des neuen Oberbürgermeisters Dr. H. Drechsler änderte sich in den 70er Jahren die Einstellung zur Altbausanierung, so daß das Bild der Marburger Altstadt, das in der preußischen Zeit durch einige reichverzierte Fachwerkhäuser ergänzt wurde, bis heute erhalten konnte. So bleibt Marburg bis heute eine für Studenten und Touristen reizvolle Stadt, in der man viele verwinkelte Ecken und gemütliche Kneipen finden kann.

Quellenangabe

Zusammengestellt von Irmgard Fliedner


© 2005  Uhde@staff.uni-marburg.de, Stand: 21.09.1997